Der letzte Spieltag der Hauptrunde der Frauenbundesliga im Handball steht bevor, zudem steckt die Liga inmitten der Lizenzierungsphase für die nächste Saison. Wir nutzten diese Phase für ein Interview mit Berndt Dugall. Im Gespräch erklärt der Ligavorsitzende, was es mit Platz Fünf in der Liga auf sich hat, wie der Stand im Lizenzierungsverfahren ist, informiert über die Fernseh- und Vermarktungsentwicklungen und beurteilt die Entwicklung der Liga und des Handball der Frauen allgemein, der am Wochenende mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking einen wichtigen Erfolg feierte. "Alle Mannschaften der Bundesliga und alle der 2. Liga soweit sie nicht bisher schon definitiv abgestiegen sind, haben einen Antrag gestellt", stellt Dugall unter anderem fest.
Herr Dugall, die Saison im Frauenhandball neigt sich dem Ende zu. Absteiger und Teilnehmer an den Meister-Play-offs stehen fest, ebenso die Teilnehmer des Final Fours im Pokal in Riesa. Vor dem Endspurt der Vereine stand am Wochenende aber die geglückte Qualifikation der Frauennationalmannschaft für das Olympische Turnier, die erste seit 1996. Wie wichtig war dieser Erfolg des Nationalteams für den Handball der Frauen in Deutschland?
Berndt Dugall: Dieser Erfolg ist sicherlich für die weitere Arbeit und unser Image ganz wichtig. Gerade in einem "olympischen" Jahr zählen nur diejenigen Sportarten, die auch aktiv dabei sind. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Olympischen Spiele eine Medienpräsenz, die nicht mehr zu toppen ist, hervorrufen. Es kommt hinzu, dass ein gutes Abschneiden in Peking auch wieder positive Auswirkungen auf unsere Bewerbung für die Europameisterschaft 2012 haben würde. Bei diesen Überlegungen ist allerdings auch zu bedenken, dass die aktuellen und eigentlich auch nicht hinnehmbaren Entwicklungen in China selbst hier noch gewisse Fragezeichen aufwerfen.
Der Sieger der Play-offs wird Meister, doch die Frage nach den weiteren Europapokalteilnehmer ist nicht für alle Leser offensichtlich. Können Sie kurz erklären, warum der in der Platzierungsrunde ausgespielte fünfte Platz von besonderer Bedeutung sein kann?
Berndt Dugall: Nach den Regularien der EHF stehen uns für die Saison 2008/09 fünf Plätze in verschiedenen Europapokalwettbewerben zu. Der Deutsche Meister spielt Champions League, der Vizemeister EHF Cup und der Dritt- und Viertplatzierte haben ein Anrecht auf die Teilnahme im Challenge Cup. Nun gibt es als weiteren hochrangigen Wettbewerb aber noch den Cup der Pokalsieger. Wenn also eine Mannschaft jetzt in Riesa Pokalsieger werden sollte, die auch in der Meisterschaft unter den ersten vier platziert ist (und die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch) rückt der Fünftplatzierte der Meisterschaft sozusagen nach. Ich kann es auch ganz konkret ausdrücken: Nur wenn Provital Blomberg in Riesa gewinnen sollte, oder zumindest das Endspiel erreicht und der Pokalsieger danach noch gleichzeitig Deutscher Meister werden würde, wäre der 5. Platz in der Meisterschaft für die Teilnahme am Challenge Cup ohne Bedeutung.
Nicht nur sportlich stehen derzeit einige Entscheidungen bevor, auch wirtschaftlich. Wie sieht es hinsichtlich der Lizenzierung aus? Sind alle Anträge fristgerecht eingegangen, befürchten Sie Probleme bei einigen Vereinen?
Berndt Dugall: Bei dem sicherlich wesentlichen Element, der Bankbürgschaft als Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens gibt es ja die Möglichkeit der Fristverlängerung bis zum 15. April. Und davon haben etliche Antragsteller Gebrauch gemacht. Von daher ist es jetzt noch zu früh, endgültige Aussagen zu treffen. Ich kann im Moment nur feststellen, dass alle Mannschaften der Bundesliga und alle der 2. Liga soweit sie nicht bisher schon definitiv abgestiegen sind, einen Antrag gestellt haben.
Leiten Sie daraus ab, dass sich die wirtschaftliche Situation der Frauenbundesligisten gefestigt hat?
Berndt Dugall: Sicherlich ist die Professionalisierung weiter gegangen. Nicht zuletzt macht sich dies auch in den höheren Etats bemerkbar. Andererseits bedeutet dies aber auch, dass gerade innerhalb der zweiten Bundesliga die Schere zwischen "Arm und Reich" immer weiter auseinanderklafft.
Die fortschreitende Professionalisierung schlägt sich nun auch in der Bildung einer Vertretung der großen europäischen Vereine nieder, die sich, vergleichbar zur Group Club Handball bei den Herren, in einer Interessenvertretung zusammengefunden haben. Wie beurteilen Sie als Vorsitzender der deutschen Liga diesen Schritt?
Berndt Dugall: Ich glaube nicht, dass wir diese beiden Dinge ernsthaft miteinander vergleichen können. Bei den Männern geht es um den Aufbau einer europäischen Profiliga mit einem von den jeweiligen nationalen Ligen vollständig abgekoppelten Spielbetrieb. Ob die kommt, lasse ich jetzt einmal offen. So weit sind wir im Frauenbereich noch lange nicht.
Gerade in den zweiten Bundesligen gibt es noch Hoffnungen bei einigen eigentlich absteigenden Teams. Die drei letztplatzierten Mannschaften jeder Staffel steigen ab, wie könnten sich etwaige Rückzüge oder nicht erteilte Lizenzen auf die Abstiegssituation der 2. Bundesligen auswirken?
Berndt Dugall: Sollte die eine oder andere Mannschaft am Ende keine Lizenz erhalten, so können davon bestenfalls die beiden Drittletzten profitieren. Im Süden würde dies zur Zeit Waiblingen betreffen, im Norden ist das noch ziemlich offen. Wenn sich abzeichnet, dass hier Handlungsbedarf besteht, werden wir zur Vorsicht zwischen den beiden Drittletzten eine Relegation ansetzen.
Ein besonderes Thema waren in den Vorjahren die Aufsteiger aus den Regionalverbänden, da einige Vereine verzichtet haben. Gibt es hier schon erste Tendenzen?
Berndt Dugall: Mit Sindelfingen, Kirchhof und Rostock haben wir drei schon praktisch feststehende Meister, die auch ihr Aufstiegsrecht wahrnehmen werden. Unklar ist zur Zeit noch die Situation im Westen und im Norden. Wir werden hier aber eine klare Linie fahren. Wer sich bis zum 1. Mai nicht gemeldet hat, wird auch nicht aufsteigen.
Die Herrenbundesliga hat ihre Namensrechte an "Toyota" verkauft, gibt es ähnliche Überlegungen in der Frauenbundesliga?
Berndt Dugall: Dazu kann ich nur sagen, diese gibt es konkret. Wir sprechen zur Zeit mit verschiedenen Interessenten und müssen abwarten, was daraus wird.
In einem Punkt ist die Frauenbundesliga den Herren ja schon voraus. Während der TBV Lemgo seine Pläne hinsichtlich einer Namensumänderung einstellen musste, konnte sich die HSG Blomberg-Lippe in der Frauenbundesliga anscheinend relativ unproblematisch in Provital Blomberg umbenennen...
Berndt Dugall: Ich habe bei der Abfassung unserer Werberichtlinien im Zusammenhang mit der Eigenständigkeit 2003 diese Möglichkeit ausdrücklich mit vorgesehen. Von daher können wir solche Entwicklungen relativ gelassen angehen.
Von vielen Verantwortlichen wird immer wieder verstärkte Sendezeit für den Handball der Frauen gefordert. Gibt es an dieser Front Neuigkeiten?
Berndt Dugall: Die noch zu geringe Präsenz im Fernsehen ist sicherlich ein Haupthindernis, um noch populärer zu werden. Wir hatten im letzten Herbst schon einmal einen ganz konkreten Anlauf zusammen mit dem DSF unternommen, der sich dann leider doch noch nicht umsetzen ließ. Aber wir werden das Thema weiter bearbeiten und schaffen vielleicht einen Durchbruch für die kommende Saison.
Die Zuschauerzahlen in den Hallen liegen bei im Schnitt gut 1.000 Besuchern pro Spiel. Wie sehen Sie die allgemeine Entwicklung und das Potential der Frauenbundesliga?
Berndt Dugall: Die Zuschauerentwicklung ist eindeutig nach oben gerichtet, was natürlich auch mit besseren Hallen zusammenhängt. Wenn man sich jedoch am letzten Wochenende die Situation bei der Olympiaqualifikation angeschaut hat, so ist klar, dass auch auf der Ebene der Vereine noch viele Möglichkeiten bestehen, das Potential auszudehnen. In Leipzig wurde am Samstag bei dem Spiel Deutschland Kroatien fast die Marke von 6.000 Zuschauern "geknackt" und dies ist doch wohl ein gutes Zeichen.
Rein sportlich gesehen: Vor der Saison wurde ein Qualitätsverlust aufgrund zahlreicher in die starke dänische Liga abgewanderter Spielerinnen diskutiert. Dieser scheint nicht eingetroffen, wie das Vorpreschen des 1. FC Nürnberg unter die besten acht Teams in der Champions League und der Halbfinaleinzug des VfL Oldenburg im Challenge Cup zu belegen scheinen.
Berndt Dugall: Ich glaube, dass wir solche Wechsel mittlerweile eher gesamteuropäisch sehen müssen. Unsere Spielerinnen gehen teilweise ins Ausland, dafür spielen ausländische Leistungsträgerinnen in Deutschland. Wenn es uns gelingt, das Fernsehpotential zu steigern, werden wir auch für die eine oder andere jetzt abgewanderte Spitzenspielerin - wobei es ja eigentlich nur um Dänemark geht - wieder interessant. Erste Rückkehrbewegungen gibt es ja bereits.
Vielen Dank für das Interview.